FAT OR AND PHAT

Autor*in: Jemina-Jane Idun

Einleitung

Seit Beginn der Menschheit gibt es Schönheitsideale, die sich geprägt vom Wandel der Zeit sowie anhand der führenden Kulturen der Welt definieren. Nichtsdestotrotz impliziert der Begriff Schönheitsideal, oft ein westlich genormtes Idealbild, welches es bestmöglich zu erfüllen gilt, um von der vorherrschenden Gesellschaft als „schön“ anerkannt zu werden. Individuen, die die erwünschte Ästhetik aufgrund von genetischen, sozialen oder individuellen Aspekten nicht erfüllen, galten in der Gesellschaft bis dato immer als zweitrangig. Um diese Diskrepanz von Akzeptanz auszugleichen, wurden verschiedene soziale Bewegungen ins Leben gerufen, die dazu auffordern die vorrangigen Schönheitsideale zu diskreditieren, um alle Körperformen und kulturelle Individualitäten gleichzustellen. Die Gleichstellung von Körperformen, und das Einfordern von Gleichberechtigung, stößt jedoch auf Kritik. Letztere besagt, dass eine Gleichstellung von Individuen lediglich eine Verherrlichung von negativen Merkmalen sei. In diesem Essay werde ich den Kernpunkt des Vortrages „Treffen sich zwei Schwarze, fette Menschen und reden über ihre Bäuche“ anhand von Quellen aufarbeiten. Insbesondere werde ich auf die Frage eingehen, ob die Body-Positivity-Bewegung Adiposität tatsächlich verherrlicht und erörtern, ob der Ursprung der Kritik aus einer gesellschaftlichen Fettphobie entspringt, welche die Erweiterung und Konsequenz von Anti-Schwarzem Rassismus ist.

Die Body-Positivity-Bewegung

Mit ihrem Ursprung in den USA ist die heutige Body-Positivity-Bewegung eine Weiterführung der Fat-Acceptance-Bewegung aus den 1960er Jahren. Letztere zielte darauf ab die weit verbreitete vorherrschende Fettfeindlichkeit zu beenden: „Fat acceptance focuses on ending the culture of fat-shaming and discrimination against people based upon their size or body weight” (Cherry 2020). Im Zuge der Fat-Acceptance-Bewegung, ist die Body-Positivity-Bewegung entstanden, welche es sich zum Ziel gesetzt hat nicht nur gegen Fettfeindlichkeit anzugehen, sondern die Anerkennung des Status quo auf alle Körper auszuweiten: „The body positivity movement in its current form […] focuses on challenging unrealistic feminine beauty standards. As the movement grew in popularity, the original focus on acceptance of weight began to shift toward a message that “all bodies are beautiful.”  (Cherry 2020). Da die Body-Positivity-Bewegung sich dadurch abzeichnet die Gesellschaft zu ermutigen alle Körper gleichzustellen, werden die von Mehrgewichtigen erfahrenen, intersektionalen Diskriminierungen und Vorurteile nur bedingt behoben. Das derzeitige Schönheitsideal der westlichen Welt ist „[E]ine europäische Frau, die rank und schlank ist und ein Gesicht aufweist, welches den Modekatalogen entspricht […]“ (Kalus 2020 ). Da das Schönheitsideal ausschließlich auf äußeren Merkmalen beruht, die teilweise von manchen Kulturgruppen aufgrund ihrer genetischen Veranlagungen nicht greifbar sind, sind jene Individuen, die aus dieser Norm herausfallen oftmals Opfer von minderwertigen Umgangsformern:

Obese individuals are highly stigmatized and face multiple forms of prejudice and discrimination because of their weight. The prevalence of weight discrimination […] is comparable to rates of racial discrimination, especially among women. Weight bias translates into inequities in employment settings, health‐care facilities, and educational institutions, often due to widespread negative stereotypes that overweight and obese persons are lazy, unmotivated, lacking in self‐discipline, less competent, noncompliant, and sloppy. These stereotypes are prevalent and are rarely challenged in Western society, leaving overweight and obese persons vulnerable to social injustice, unfair treatment, and impaired quality of life as a result of substantial disadvantages and stigma. (Puhl & Heuer 2009)

Laut Hebebrand sind genetische Veranlagungen, die auch mit ethnischen Normen einhergehen, signifikante Parameter für Gewicht, Größe und Statur: „Zu etwa 60 Prozent sind die Erbanlagen dafür verantwortlich, dass jemand Übergewicht entwickelt […] Mehrere Gene, die das Gewicht beeinflussen, sind bereits bekannt. Einige verursachen Übergewicht, andere halten dünn.“ (Hebebrand 2003). Des Weiteren betont Hebebrand, dass die Zusammenhänge von Genetik und Übergewicht im öffentlichen Diskurs sowie von Fachleuten, insbesondere jene die Übergewichtige behandeln, unzureichend aufgefasst und thematisiert werden: „Zu selten wird zur Kenntnis genommen, dass stark Übergewichtige es wegen ihrer genetischen Veranlagung zum Teil kaum schaffen können, langfristig wesentlich dünner zu werden“ (ebd.).

Ursprung der Fettphobie

Auf Grundlage dieser wissenschaftlichen Erkenntnis wird ersichtlich, dass da das WIssen darüber, dass die Genetik eines Individuums maßgeblich zu seiner Statur beiträgt, das Herunterstufen von mehrgewichtigen Körpern unzureichend fundiert ist. Auf Grundlage dieser Erkenntnis kristallisiert sich die Frage heraus worin der Ursprung der Stigmatisierung von mehrgewichtigen Körpern liegt. Da Individuen, die aus der dominanten Gruppe herausfallen vorwiegend Opfer von Diskriminierung sind, stellt sich in Bezug auf Fettphobie demnach die Frage nach unterbewussten ethnischen Assoziationen. Aufgrund der Tatsache, dass bei Fettphobie zwar offenkundig keine ethnische Minderheit klassifiziert wird ist die Herabsetzung von Menschen die ein distinktives Körpermerkmal aufweisen, welches oft in einer bestimmten ethnischen Personengruppe  vertreten ist, ein Indikator dafür, dass Fettphobie einen oftmals nicht erwähnten rassifizierten Zusammenhang hat. Sabrina Strings diskutiert anhand vom historischen Verlauf der Menschheitsgeschichte in ihrem Buch Fearing the Black Body: The Racial Origins of Fat Phobia die gesellschaftliche Ausgrenzung von mehrgewichtigen Menschen. Strings zieht zudem Schlüsse zur Kolonialgeschichte und folglich zu Anti–Schwarzem Rassismus. Sie argumentiert, dass das Schönheitsideal zwar ein Produkt seiner Zeit sei, die Ursache von Fettfeindlichkeit jedoch in der weißen Vorherrschaft und kulturellen Verbreitung liege, und zeigt im Zuge dessen die Idealisierung und Anhebung europäischer Normen zum Status quo auf:

I argue that two historical developments contributed to a fetish for svelteness and a phobia about fatness: the rise of the transatlantic slave trade and the spread of Protestantism. Racial scientific rhetoric about slavery linked fatness to “greedy“ Africans. And religious discourse suggested that overeating was ungodly. Fatness became stigmatized as both black and sinful. And by the early twentieth century, slenderness was increasingly promoted in the popular media as the correct embodiment for white Anglo-Saxon Protestant women. (Strings 2019)

Bei Betrachtung der Tatsache das Fettsein mit Schwarzsein assoziiert wird, und demnach Menschen widerspiegelt die als minderwertig angesehen werden, erschließt sich die Tatsache, dass Fettphobie ihren Ursprung nicht in der Medizin hat.  Dieses Argument unterstreicht Hebebrands Aussage, dass die genetischen Aspekte beim Diskurs über Fettleibigkeit, bewusst oder unbewusst, außer Acht gelassen werden. Letzteres wiederum verhindert, dass ein elementarer Diskurs über das Idealbild und die Umgangsformen mit Mehrgewichtigen stattfinden kann. Strings führt diese Argumentation fort indem sie argumentiert, dass Fettphobie einen klaren rassifizierten Ursprung hat.  Kritiker, so Strings, die sich auf das reine gesundheitliche Wohlbefinden berufen, ließen die historisch rassifizierte Vorgeschichte außer Acht:„ […] [N]ot until after these associations were already in place did the medical establishment begin its concerted effort to combat “excess” fat tissue as a major public health initiative.“ (ebd.)

Zusammenfassend lässt sich demnach sagen, dass die gesellschaftliche Fettphobie und das Stigma nicht nur einen vermeintlich medizinischen Hintergrund hat, oder von sozialen Richtlinien und Präferenzen geprägt wird, sondern eine strukturelle Erweiterung von Anti-Schwarzem Rassismus ist, welches das europäische Schönheitsideal idealisiert und intersektionale Herabstufungen stärkt:

The phobia about fatness and the preference for thinness have not, principally, or historically, been about health. Instead they have been one way the body has been used to craft and legitimate race, sex, and class hierarchies. The fear of the imagined “fat black woman” was created by racial and religious ideologies that have been used to both degrade black women and discipline white women. (Strings 2019)

Kritik

Neben vermeintlich medizinischen Nachteilen erheben Kritiker der Fat-Acceptance- und Body-Positivity-Bewegung das Argument, dass mehrgewichtige Individuen ihr Äußeres durch Gewichtabnahme der Norm anpassen könnten, was ihnen wiederum erleichtern würde von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Von der Norm abweichendes Gewicht sei keine Argumentationsgrundlage um offiziell von Diskriminierung (wie sie von Rassismus oder körperlicher Behinderung bekannt ist) zu sprechen:

[…] [T]he „fat pride community“ doesn’t want my sympathy. They want acceptance. They want respect. […]  I [cannot] quite put obesity on a par with being black, female, or homosexual. While discrimination against heavy people should be illegal (save when fielding, say, job applications to lead tourists up Mount Kilimanjaro), to equate fat with race, gender and sexual orientation is to cast obesity as an unassailable state over which we have no control. (Shriver 2009)

Des Weiteren wird kritisiert, dass  soziale Bewegungen Fettsein vehement verherrlichen, und nicht zur Selbstliebe und Gleichberechtigung aufrufen, sondern zu ungesundem Essverhalten und der Verleugnung von Tatsachen:

Our culture is prone to unhealthy extremes on many issues, including weight. […] The message that beauty and health come in different shapes and sizes is a positive one in moderation. But fat acceptance is no improvement on the thinness cult. People struggling with weight deserve support […] The answer is to promote healthy behavior to prevent this self-inflicted condition, and to encourage treatment when needed — not to assist in denial. (Young 2013)

Fazit

Letztlich sind die Body-Positivity- sowie die Fat-Acceptance-Bewegung, soziale Bewegungen, die dazu aufrufen sich selbst zu lieben. Das Argument das Selbstliebe dazu verleiten könnte Fettleibigkeit zu verherrlichen, lässt die subjektive Selbstbestimmung des Einzelnen außer Acht. Die Fat-Acceptance-Bewegung fordert nämlich das Grundrecht an Menschenwürde ein, die jeden einzelnen Menschen fernab von äußeren Merkmalen zusteht. Unter Betrachtung der Historie und dem Aufbau der westlichen Welt sowie der weißen Vorherrschaft, ist die Annahme, dass Fettphobie ihren Ursprung im Anti-Schwarzen- Rassismus hat legitim. Die Selektion von „typisch schwarzen Merkmalen“ und ihrer Unterteilung in positiv und negativ, erweist sich fortlaufend als Teil der Gesellschaft. Da der Ursprung der Fettphobie nicht konventionell mit Anti-Schwarzem Rassismus in Verbindung gebracht wird, haben sich verschiedene Begrifflichkeiten herauskristallisiert. Unter dem sogenannten „Blackfishing“, beispielsweise, wird die Zweckentfremdung „typisch afrikanischer Merkmale“ verstanden, welche in einem europäischen Kontext angewendet werden. Im Vergleich zur Fettphobie, stellen Begriffe wie Blackfishing langfristig einen distinkten rassifizierten Bezug her und verhindern eine zukünftige Minimierung von vermeintlich rassifizierten Diffamierungen. Kritiker, die unter dem Vorwand einer Aufwertung der Lebensqualität oder dem Schutz vor gesundheitlichen Gefahren Mehrgewichtige kritisieren, sind aufgrund der Tatsache, dass sie Kritik äußern ohne die mentale Gesundheit und Verfassung des Gegenübers miteinzubeziehen, , der Beweis für eine unzureichende Bewusstseinshaltung. Ihr Handeln offenbart die Dimension ihrer Aufrichtigkeit sowie ihrer Absichten. Soziale Bewegungen, die sich für die Abschaffung der Idealisierung einer Schönheitsnorm einsetzen, beziehungsweise für die Anpassungsfähigkeit dieser Norm plädieren, verherrlichen meiner Meinung nach nicht Adiposität. Diese Bewegungen sind Kollektive von Individuen, die von der Norm geprägten Gesellschaft ausgestoßen wurden. Diese Bewegungen sind gefüllt mit Individuen, die ihre Daseinsberechtigung fernab des Schönheitsideals einfordern und intersektionale Benachteiligungen aufdecken. Diese Bewegungen sind gefüllt mit Anhängern, die ihre ihnen zustehende Humanität einfordern.

“You are not alive to please the aesthetic of colonized eyes.” –

Ijeoma Umebinyuo, Questions for Aida.

 

Literaturverzeichnis

Cherry. K. (o. J.). Why Body Positivity Is Important.Verywell Mind. Abgerufen 21. November 2020, von https://www.verywellmind.com/what-is-body-positivity-4773402

Internetredaktion, R. B. L. (o. J.). Gene: Die wahren Dickmacher? – DLR Gesundheitsforschung. Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt e.V. – DLR Gesundheitsforschung. Abgerufen 15. November 2020, von https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/gene-die-wahren-dickmacher-1703.php

Kalus, A. (o. J.). Schönheitsideale im Wandel der Zeit: Die perfekte Figur. Abgerufen 15. November 2020, von https://praxistipps.focus.de/schoenheitsideale-im-wandel-der-zeit-die-perfekte-figur_121522

Puhl, R. M., & Heuer, C. A. (2009). The Stigma of Obesity: A Review and Update. Obesity, 17(5), 941–964. https://doi.org/10.1038/oby.2008.636

Shriver, L. (2009, Dezember 1). Lionel Shriver: My brother is eating himself to death. The Guardian. https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2009/dec/01/lionel-shriver-my-obese-brother

Strings, S. (2019). Fearing the Black Body: The Racial Origins of Fat Phobia. NYU Press.

Young, C. (o. J.). Pro-fat an unhealthy status quo—The Boston Globe. Abgerufen 15. November 2020, von https://www.bostonglobe.com/opinion/2013/12/30/fat-acceptance-hazardous-health/1ojfoW46R2elWpHLarA19M/story.html

 

 

 


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