Eine Gedankenreise in vielfältige Spielwelten

Essay von Lea Schurat

Ich möchte mich auf eine Gedankenreise begeben, auf eine Reise durch vielfältige Spielzimmer. Die Vielfalt der Kinder und deren Lebenswelten ist unbestritten, aber was wäre, wenn diese Vielfalt sich nun auch in den Spielwelten der Kinder zeigen würde?

Ich sehe Bücher mit den wunderbarsten Bildern und Geschichten. Bücher, die das Tor zu vielfältigen Abenteuern und Geschichten sind. Bücher, die alle Kinder repräsentieren. Bücher, in denen alle Kinder sich als Held*innen wiedererkennen können. Ich sehe Bücher, in denen es keine Prinzessin gibt, die auf die Rettung durch ihren Prinzen wartet. Ich sehe starke Protagonist*innen aller Hautfarben. Protagonist*innen mit Behinderungen, verschiedenste Familienformen, Religionen und auch arme Menschen. Und alle in einer positiven, handlungsfähigen und selbstbestimmten Rolle. Ich sehe Spielzeuge und Puppen, die nicht ausschließlich weiß sind. Ich sehe Spielzeuge, die die Welt und ihre Vielfalt widerspiegeln. Kinder haben die Möglichkeit, sich in ihren Spielzeugen wiederzufinden, sich zu identifizieren und spielerisch die Welt zu entdecken.

Kinder beobachten und erlernen bereits in ihren ersten Lebensjahren gesellschaftliche Machtsysteme auf implizite Art und Weise. Die Gestaltung und Konzeption ihrer Spielzeuge und Bücher spielt dabei eine entscheidende Rolle. Denn Spielzeuge sind ein Teil der Welt des Kindes – ihrer Realität. Und diese Realität muss der tatsächlichen Lebensrealität von Kindern entsprechen. Eine positive Repräsentation aller Menschen, und vor allen Dingen Menschen marginalisierter Gruppen, kann Stereotypenbildung und Diskriminierung vorbeugen. Vielfalt in Spielzeugen hilft, Kinder und Erwachsene zu sensibilisieren. Vielfalt ist die Normalität. Alle Menschen sind verschieden, es gibt kein „besser“, kein „schlechter“ – nur anders.

Kinder sehen diese Unterschiede. Es ist zu einfach, ihnen dies abzusprechen. Und es entspricht nicht der Realität. Kinder erkennen, ob eine Person der Ethnie ihrer Bezugspersonen entspricht – bereits im Säuglingsalter. Sie bewerten diese Unterschiede erst einmal gar nicht. Aber ab einem Alter von drei Jahren übernehmen sie rassistische und stereotype Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft. Kinder erlernen diese Strukturen völlig automatisch. Sie müssen ihnen nicht beigebracht werden. Und das ist auch der Punkt. Niemand kann in einer strukturell rassistischen, sexistischen, klassistischen, ableistischen Gesellschaft nicht rassistisch sein. Diese Diskriminierungsformen sind alle internalisiert, verinnerlicht seit der Kindheit. Aber Menschen einer Gesellschaft können anti-rassistisch sein. Und wenn im eigenen Spielzimmer, in der eigenen Kita nur Spielzeuge, nur Kinderbücher mit Konzeptionen und Abbildungen zu finden sind, in denen Kinder weder Vielfalt erfahren noch sich selbst als Held*innen wiedererkennen können, trägt dies einen entscheidenden Teil zur Entwicklung bei und hat eine massive Auswirkung auf Kinder.

In den 1940er Jahren führten Kenneth Bancroft Clark und Mamie Phipps Clark zum ersten Mal den „Doll-Test“ durch. Kindern im Vorschulalter werden je eine Schwarze und eine weiße Puppe gezeigt. Unabhängig von der eigenen Hautfarbe wählen die Kinder die weiße Puppe als hübsche Puppe. Der Schwarzen Puppe werden negative Attribute wie böse und hässlich zugeschrieben, auch wenn die Kinder sich mit dieser Puppe selbst identifizieren. Das Experiment zeigt, dass Rassismen der Mehrheitsgesellschaft schon bei kleinen Kindern maßgeblich das Selbstbild prägen.

Spielzeuge und Bücher, die Vielfalt repräsentieren, ermöglichen es allen Kindern, sich selbst wiederzuerkennen, sich zu identifizieren. Aber auch Einblick in andere Lebensrealitäten zu erhalten und diese anzuerkennen und als gleichwertig zu erfahren. Spielzeuge und Geschichten ermöglichen es, Vielfalt als Gewinn zu verstehen und Gemeinsamkeiten und Überschneidungen viel stärker zu erkennen.
Wenn man es als so einfach erklären würde, eine diskriminierungsfreie Gesellschaft über das Spielverhalten der Kinder zu erreichen, würde man der Tragweite der strukturellen Diskriminierungen nicht gerecht werden und das Leid marginalisierter Gruppen ignorieren.

Es reicht also nicht, dass es vielfältige Repräsentationen in Spielzeugen und Büchern gibt. Und es wäre zu einfach, den Kindern durch ihre Spielzeuge eine Welt zu vermitteln, die wunderbar und inklusiv, diskriminierungs- und rassismusfrei ist. Aber es ist ein Anfang. Und nicht nur ein Anfang, sondern ein zentrales und wichtiges Moment. Daran muss sich eine anti-rassistische Haltung von Eltern, Erzieher*innen, Lehrkräften und allen anderen Pädagog*innen anschließen. Eine Haltung, mit der es möglich ist, über Spielzeuge und Bücher zu sprechen (mit älteren Kindern), die nicht diskriminierungsfrei sind, sondern Stereotype und Rassismen reproduzieren. Eine Haltung, die es ermöglicht, diese Diskriminierungen zu erkennen – trotz eigener, vielleicht auch positiver Kindheitserinnerungen an eine bestimmte Geschichte. Eine Haltung, die eigene internalisierte Rassismen erkennt, versteht und es dadurch ermöglicht diese zu überwinden.

Es sollte für Bildungseinrichtungen verbindlich sein, ihre Spielzeuge und Bücher zu überprüfen, auszusortieren und mit neuen Produkten zu ergänzen. Mit Büchern und Spielsachen, die die Vielfalt der Kinder und Erwachsenen in der Gesellschaft zeigen. Es sollte verbindlich sein, Faschingskostüme zu überdenken – und gegebenenfalls auch zu verbieten. Selbst wenn dann ein Aufschrei folgt – ein Aufschrei, der zum Führen eines Diskurses anregt und es ermöglicht, eine anti-rassistische Haltung zu zeigen. Genauso sollte es verbindlich sein, dass als „hautfarbener“ Buntstift nicht der rosafarbene gilt. Jedes Kind muss die Möglichkeit haben, die eigene Hautfarbe in der Auswahl der Buntstifte wiederzufinden. Genauso bei Tonpapieren und Bastelvorlagen.

Tebbi und Olaolu ermöglichen mit ihrem Shop tebalou, diese Gedankenreise Wirklichkeit werden zu lassen. Sie ermöglichen es, dass sich Kinder in ihren Spielwelten repräsentiert sehen. Dass Kinder vielfältige Erfahrungen machen können und Einblick in unsagbar viele wunderbare Welten bekommen. Kinder erhalten positive Bilder von sich selbst – und das ist essenziell für die Entwicklung des eigenen Selbstbildes, Selbstwertes und Selbstvertrauens.

Um die Gedankenreise abzuschließen, möchte ich einen Blick in die Zukunft werfen. Ich sehe die großartige Vielfalt an Spielzeugen nicht bloß in großartigen kleinen, ausgewählten Online-Shops, sondern auch überall, wo es Spielzeuge gibt. Nicht bloß Eltern sollen die Möglichkeit haben, vielfältige Bücher und Spielzeuge für ihre Kinder kaufen zu können und so deren Spielwelten realen Lebenswelten anzupassen. Auch Kinder müssen in großen und kleinen Spielzeuggeschäften sich selbst repräsentiert sehen und eine Wahl haben.

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