Immerhin hing an der Tür ein Schild mit der Aufschrift „Schule ohne Rassismus“

Essay von Janine Ketzner

Schon lange steht fest, dass in deutschen Schulen nicht oder nicht angemessen über das Thema Rassismus gesprochen wird. Immer wieder berichten People of Color von den rassistischen Anfeindungen durch Mitschüler*innen und Lehrkräfte, denen sie mangels systemischer Unterstützung ausgeliefert sind. Unter der Spitze des Eisbergs liegen nicht nur ungerechte Notenvergabe und Lehrer*innenempfehlungen – auch die Lektürelisten zeichnen sich durch mangelnde Diversität aus, sodass die weißen Schüler*innen in der Perspektive der weißen Kolonisator*innen verhaftet bleiben.

Dieses strukturelle Problem tritt jedoch nicht nur in Gegenwart von People of Color auf. Auch in deren Abwesenheit können gefährliche Mechanismen beobachtet werden, die weiße Solidarität festigen, statt Privilegien zu hinterfragen und den Raum für Perspektiven jenseits der weißen Norm zu öffnen.

Durch das Wissen, das ich heute habe, bin ich zum ersten Mal in der Lage kritisch zu hinterfragen, was mir in der Schule über den Kolonialismus beigebracht wurde. Es war nicht so, als wäre die Geschichte des Rassismus in der Schule gar nicht erwähnt worden. Ganz im Gegenteil. Im Geschichtsunterricht wurde uns lang und breit erklärt, was Kolonialismus ist und dass das Deutsche Reich da anscheinend auch mitgemischt hat – allerdings nur „ganz kurz, und längst nicht so schlimm wie Frankreich oder England“. Kein Wort allerdings darüber, dass deutsche Privatleute sich am transatlantischen Sklav*innenhandel bereicherten, lange bevor das Deutsche Reich überhaupt gegründet wurde und sich ganz offiziell in die Verwicklungen des Imperialismus einschaltete.

In meinem Geschichtsbuch aus der gymnasialen Oberstufe standen Schlagworte wie Wirtschaftliche Expansion, Platz an der Sonne und Verbreitung der europäischen Kultur. Was fehlte, waren Begriffe wie Völkermord und Maafa. Zum Zeitpunkt der Klausur wusste ich weder, wo die deutschen Kolonien waren, wer die Menschen waren, die dort getötet und versklavt wurden, oder dass es heute in Deutschland immer noch Kolonialdenkmäler und Straßennamen aus der Kolonialzeit gibt. Vielleicht sollte ich mal bei meiner früheren Klassenlehrerin in Erfahrung bringen, womit genau ich mir die 1- verdient habe, die ich für diese Klausur bekommen habe.

Und noch einige andere Fragen würde ich ihr gern stellen: Wie soll eine zu 90% aus weißen Teenagern bestehende Schulklasse die Brutalität und die Auswirkungen des Kolonialismus begreifen, wenn die Unterrichtsgespräche darüber ausschließlich aus der kolonialen Perspektive stattfinden? Warum vergöttern wir im Religionsunterricht Immanuel Kant als großen Aufklärer und Moralisten, wenn für ihn ebenjene Gedanken zu Freiheit und Moral beim Konstrukt der „Rasse“ aufhörten? Führen wir durch diese eindimensionale Perspektive, die ausschließlich die Geschichte der Privilegierten berücksichtigt, nicht genau die Tradition der Unterdrücker*innen weiter, die ihre Vormachtstellung dadurch erhalten, dass sie Unterdrückte mundtot machen und versuchen sie dadurch zu entmenschlichen und zu degradieren?

Auch im Deutschunterricht haben wir über Rassismus gesprochen. Man könnte meinen, dass man dem Thema am ehesten gerecht wird, indem man Texte von deutschsprachigen Autor*innen of Color bespricht, um ihre Perspektive anzuerkennen und nachzuvollziehen. Das ist leider nicht passiert. Stattdessen haben wir eine Klausur zu folgendem Thema geschrieben: Sollte man das N-Wort aus Kinderbüchern streichen? [1] Man muss sich das in etwa so vorstellen: 25 nicht-Schwarze Teenager hockten in ihrem Klassenzimmer und debattierten und philosophierten in aller Seelenruhe darüber, ob es für sie selbst emotional zu verkraften wäre, eine an Schwarze gerichtete rassistische Beleidigung aus Pippi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land zu streichen. Wir standen vor dem ach so verzwackten Zwiespalt, ob Kinder wirklich zu kleinen rassistischen Monstern heranwachsen, wenn bei Jim Knopf alles bei der alten Leier bleibt, oder ob wir uns lieber der gern heraufbeschworenen „Sprachdiktatur“ der Political Correctness unterwerfen und den „Zauber“ des Originalwerks durch irgendeine „Identitätspolitik“ zerstören wollten.

Die historische Authentizität auf der einen Seite sowie das Mindestmaß an Sensibilität und Respekt für die globale Mehrheit auf der anderen Seite wurden in zwei unterschiedliche Waagschalen geworfen, so als würden diese beiden Kategorien sich grundsätzlich und von vornherein ausschließen. So als wäre es Recht und Pflicht jedes weißen Teenagers, einmal im Leben im Rahmen der Abiturvorbereitung eine Entscheidung darüber gefällt zu haben, welche dieser beiden Seiten eher den wechselnden Bedürfnissen der weißen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland entspricht.

Es ist ja nicht so, als wäre das Thema des Rassismus in der Kinderliteratur belanglos – im Gegenteil, es ist sogar extrem wichtig. Aber warum musste dazu zwanghaft so eine verächtliche Debatte heraufbeschworen werden? Sowohl im Unterricht als auch in privaten Gesprächen kehrten wir immer wieder zu der Grundsatzdiskussion zurück, ob Rassismus in Deutschland überhaupt noch vorhanden sei, anstatt ihn endlich als eine Tatsache zu akzeptieren, an deren historischer und gegenwärtiger Existenz nicht zu rütteln ist.

Sozusagen aus dem Elfenbeinturm blickten wir im Geiste der Wissenschaft hinab auf Probleme, die sich weit weg von unserer eigenen Lebensrealität ereignen, damit wir guten Gewissens über die Diskriminierung hinwegblicken konnten, die sich in den vier Wänden unserer eigenen ach so behüteten Bildungsanstalt ereignete. Immerhin hing an der Tür ein Schild mit der Aufschrift Schule ohne Rassismus. Also, wenn damit der Pflicht nicht genüge getan wurde, dann weiß ich auch nicht.

Immer wieder spulten wir die gleichen selbstgefälligen Debatten ab, die zum reinen Selbstzweck existierten und deren Gegenstände wir nur heraufbeschworen, um uns wohl und schlau fühlen zu können. Gerade so, als wäre Rassismus nicht immer noch lebensgefährlicher Ernst für die globale Mehrheit, sondern lediglich ein spaßiges Klausurthema, an dem sich zufällig der Erörterungsaufbau nach dem Sanduhr-Prinzip gut anwenden ließ.

Das Absurde daran war wie gesagt nicht, dass wir überhaupt über das N-Wort sprachen. Das Problem war, dass dieser künstlich hervorgerufene Kleinkrieg nicht als Aufhänger für eine Veranschaulichung des Kolonialismus aus der Perspektive der Unterdrückten genutzt wurde. Stattdessen wurde der gemeinsame „Blick über den Tellerrand“ mit dem stupiden Aufwärmen und Widerkäuen der N-Wort-Debatte abrupt für beendet erklärt. Und das, obwohl sich bei genauerer Betrachtung so viele Anknüpfungspunkte ergeben hätten.

Vielleicht hätte man darüber sprechen können, dass die Rahmenhandlung von Pippi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land selbst dann noch rassistisch und kolonialistisch bleibt, wenn man beleidigt seinen Lieblingssatz „So war das eben damals!“ gesagt, und den weißen „N****-König“ durch den weißen „Südseekönig“ ersetzt hat. Vielleicht hätte man gemeinsam die Privilegien reflektieren können, die eine Handvoll weiße Schüler*innen dazu ermächtigt und vermeintlich dazu berechtigt, genau diese Debatte zu führen. Man hätte bestimmt auch darüber sprechen können, was es mit uns als Teil der Gesellschaft macht, wenn wir felsenfest davon überzeugt sind, dass wir das Recht hätten, für People of Color zu entscheiden, was rassistisch ist und was nicht. Eventuell hätte man auch einen prüfenden Blick auf die Lektüreliste werfen, das dritte oder vierte Drama von Lessing oder Schiller streichen und den Lehrplan durch kulturelle Beiträge von Personen bereichern können, die weniger der männlichen und weißen Norm – der dominanten Kultur – entsprechen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass nur weiße Schüler*innen das Privileg haben sich in Rassismusdebatten keinerlei Risiko auszusetzen, weil diese fast immer unter weißen Bedingungen stattfinden. Im Gegensatz dazu können People of Color nicht einmal entscheiden, ob und wann sie überhaupt über Rassismus nachdenken wollen. Um die Geschichte des Kolonialismus in Verbindung mit diesem Privileg zu reflektieren, müssen weiße Schüler*innen lernen, ihren eigenen kulturellen Deutungsrahmen infrage zu stellen.

Anhand der Perspektiven von People of Color müssen sie lernen, dass die weiße Geschichtsdeutung weder objektiv noch gerecht ist. Der Fokus der Diskussion hätte sich niemals zugunsten „weißer Tränen“ verschieben dürfen, als es darum ging rassistische Sprache aus dem Alltag zu verbannen.

[1] Das Wort war in der originalen Aufgabenstellung unzensiert.

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