Wieso werden in den Medien immer die Täter*innen genannt, warum kenne ich nur ihre Namen?

Essay von Rigmor Franke

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Anders Breivik – Namen, die nicht vergessen sind. Namen, die in den Medien oft abgedruckt und in den Nachrichten wiederholt wurden. Es gibt Filme und Dokumentationen, sowie Bücher und Artikel über sie.

Bahide Arslan, Yeliz Arslan, Ayşe Yılmaz – Namen, die ich in dem Vortrag von Ibrahim Arslan zum ersten Mal hörte. Drei Menschen, die durch einen rassistisch motivierten Anschlag starben. In der Nacht des 23. November 1992 wurde ein Brandanschlag auf zwei Familien in einem Haus ausgeübt. Die Familien hatten einen türkischen Hintergrund und zogen Mitte der 70er Jahre in die Kleinstadt Mölln.

Herr Arslan überlebte als Siebenjähriger, weil er in nasse Decken gewickelt war. Für seine Schwester, Cousine und Großmutter kam jede Hilfe zu spät. In dem Vortrag spricht er als Zeitzeuge von seinem Trauma, er erzählt von seinen Erlebnissen, von der Zeit danach und dem Umgang der Medien mit diesem Attentat und vielen weiteren rassistischen Morden. Eine Frage, die sich mir beim Zuhören
stellte, war: Wieso werden in den Medien die Täter*innen immer benannt, warum kenne ich ihre Namen? Wie kann es sein, dass man den Täter*innen mehr Aufmerksamkeit schenkt als den Opfern und ihren Hinterbliebenen? Ist es wirklich die Neugier der Gesellschaft, die unsere Schlagzeilen bestimmen?

Herr Arslan zeigt uns Bilder von trauernden Familien, von Demonstrationen gegen Diskriminierung und langen Trauerzügen. Er berichtet über den respektlosen Umgang der Polizei in diesen Situationen. Er spricht über die Angst der Deutschen, über Morde zu schreiben und zu sprechen, die einen rechtsextremen Hintergrund haben. Das R-Wort, so sagt er, wird nie gedruckt und nie in den Nachrichten benannt. Zu groß ist die Furcht vor der deutschen „Schuld“ und der Auseinandersetzung mit immer dagewesenen, rassistisch motivierten Morden. Durch die Nicht-Thematisierung der Motive wird versucht, den Schrecken der NS-Zeit auszublenden. Dennoch ist das Interesse an den
Täter*innen und ihren psychologischen Profilen allgegenwärtig.

Der Anschlag in Hanau, der am 19. Februar 2020 neun Menschen das Leben kostete, zeigt uns eine neue Erinnerungskultur. Die Namen der Verstorbenen erhalten mediale Präsenz. Neue Plattformen wie Twitter und Instagram schaffen Räume für Betroffene, sie können sich finden, zusammentun und empowern. Sie üben Druck aus auf die mediale Berichterstattung.

Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi, Fatih Saraçoğlu – Namen, die nicht vergessen werden, Namen, die plakatiert wurden in ganz Deutschland, ermordete Menschen, die in den Nachrichten genannt wurden.

Ibrahim Arslans Geschichte hilft Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein Bewusstsein für die Betroffenen zu haben. Er erzählt die Geschichte seiner Familie, von dem kontinuierlichen Rassismus in diesem Land. Mit Empathie wird sich unsere Gesellschaft nicht verändern, aber mit mehr Wissen, mit respektvoller Auseinandersetzung jeder Geschichte und dem Bestreben sich selber in seinem
Handeln kritisch zu reflektieren.

#hanauwarkeineinzelfall

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