Category Archives: BiMaRa Essays

Immerhin hing an der Tür ein Schild mit der Aufschrift „Schule ohne Rassismus“

Essay von Janine Ketzner

Schon lange steht fest, dass in deutschen Schulen nicht oder nicht angemessen über das Thema Rassismus gesprochen wird. Immer wieder berichten People of Color von den rassistischen Anfeindungen durch Mitschüler*innen und Lehrkräfte, denen sie mangels systemischer Unterstützung ausgeliefert sind. Unter der Spitze des Eisbergs liegen nicht nur ungerechte Notenvergabe und Lehrer*innenempfehlungen – auch die Lektürelisten zeichnen sich durch mangelnde Diversität aus, sodass die weißen Schüler*innen in der Perspektive der weißen Kolonisator*innen verhaftet bleiben.

Dieses strukturelle Problem tritt jedoch nicht nur in Gegenwart von People of Color auf. Auch in deren Abwesenheit können gefährliche Mechanismen beobachtet werden, die weiße Solidarität festigen, statt Privilegien zu hinterfragen und den Raum für Perspektiven jenseits der weißen Norm zu öffnen.

Durch das Wissen, das ich heute habe, bin ich zum ersten Mal in der Lage kritisch zu hinterfragen, was mir in der Schule über den Kolonialismus beigebracht wurde. Es war nicht so, als wäre die Geschichte des Rassismus in der Schule gar nicht erwähnt worden. Ganz im Gegenteil. Im Geschichtsunterricht wurde uns lang und breit erklärt, was Kolonialismus ist und dass das Deutsche Reich da anscheinend auch mitgemischt hat – allerdings nur „ganz kurz, und längst nicht so schlimm wie Frankreich oder England“. Kein Wort allerdings darüber, dass deutsche Privatleute sich am transatlantischen Sklav*innenhandel bereicherten, lange bevor das Deutsche Reich überhaupt gegründet wurde und sich ganz offiziell in die Verwicklungen des Imperialismus einschaltete. Continue reading

Eine Gedankenreise in vielfältige Spielwelten

Essay von Lea Schurat

Ich möchte mich auf eine Gedankenreise begeben, auf eine Reise durch vielfältige Spielzimmer. Die Vielfalt der Kinder und deren Lebenswelten ist unbestritten, aber was wäre, wenn diese Vielfalt sich nun auch in den Spielwelten der Kinder zeigen würde?

Ich sehe Bücher mit den wunderbarsten Bildern und Geschichten. Bücher, die das Tor zu vielfältigen Abenteuern und Geschichten sind. Bücher, die alle Kinder repräsentieren. Bücher, in denen alle Kinder sich als Held*innen wiedererkennen können. Ich sehe Bücher, in denen es keine Prinzessin gibt, die auf die Rettung durch ihren Prinzen wartet. Ich sehe starke Protagonist*innen aller Hautfarben. Protagonist*innen mit Behinderungen, verschiedenste Familienformen, Religionen und auch arme Menschen. Und alle in einer positiven, handlungsfähigen und selbstbestimmten Rolle. Ich sehe Spielzeuge und Puppen, die nicht ausschließlich weiß sind. Ich sehe Spielzeuge, die die Welt und ihre Vielfalt widerspiegeln. Kinder haben die Möglichkeit, sich in ihren Spielzeugen wiederzufinden, sich zu identifizieren und spielerisch die Welt zu entdecken.

Kinder beobachten und erlernen bereits in ihren ersten Lebensjahren gesellschaftliche Machtsysteme auf implizite Art und Weise. Continue reading

Wieso werden in den Medien immer die Täter*innen genannt, warum kenne ich nur ihre Namen?

Essay von Rigmor Franke

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Anders Breivik – Namen, die nicht vergessen sind. Namen, die in den Medien oft abgedruckt und in den Nachrichten wiederholt wurden. Es gibt Filme und Dokumentationen, sowie Bücher und Artikel über sie.

Bahide Arslan, Yeliz Arslan, Ayşe Yılmaz – Namen, die ich in dem Vortrag von Ibrahim Arslan zum ersten Mal hörte. Drei Menschen, die durch einen rassistisch motivierten Anschlag starben. In der Nacht des 23. November 1992 wurde ein Brandanschlag auf zwei Familien in einem Haus ausgeübt. Die Familien hatten einen türkischen Hintergrund und zogen Mitte der 70er Jahre in die Kleinstadt Mölln.

Herr Arslan überlebte als Siebenjähriger, weil er in nasse Decken gewickelt war. Für seine Schwester, Cousine und Großmutter kam jede Hilfe zu spät. Continue reading

Antiziganismus. Über Stigmatisierung von Sinti*zze und Rom*nja

Essay von Jennifer Tamara Koch

„Antiziganismus bezeichnet einen spezifischen Rassismus gegen Sinti[*zze] und Roma[*nja] und umfasst verschiedene Ebenen, die ein Ergebnis jahrhundertealter Vorurteile sind: Zum einen werden Sinti[*zze] und Rom[*nja] mit dem Stigma »Zigeuner« oder Verwandter Bezeichnungen belegt. Darauf aufbauend werden den Angehörigen der Roma-Minderheiten vermeintlich von der Norm abweichende, widersprüchliche Eigenschaften […] zugeschrieben. Zuletzt beschreibt Antiziganismus die strukturelle und institutionalisierte Diskriminierung von Sinti[*zze] und Rom[*nja](NdM-Glossar 2020: Begriffsdefinition Antiziganismus).

Eine Erhebung der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2014 ergab, dass europaweit in etwa 12 Millionen Sinti*zze und Rom*nja leben (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2014). Allein in der Bundesrepublik Deutschland konnten schätzungsweise 80.000 bis 140.000 Sinti*zze und Rom*nja erfasst werden (vgl. Antidiskrimierungsstelle des Bundes 2014). Obgleich Sinti*zze und Rom*nja seit Jahrhunderten zu unserer Gesellschaft gehören, ist der Alltag dieser nationalen Minderheiten von Stigmatisierungs-, Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen geprägt. Dieses soziale Phänomen, welches als Antiziganismus bezeichnet wird, stellt bis in die Gegenwart hinein ein massives weltweites Problem dar (vgl. End 2017: 6). Der Antiziganismus wird vielschichtig in der Gesellschaft – sowohl per exemplum bei Rechtsradikalen, bei Linken und in der Mitte praktiziert – und durch antiziganistische Ideologien legitimiert. Antiziganistische Einstellungen und Grundhaltungen finden sich aber nicht nur in gegenwärtig geführten Diskursen wieder, sondern lassen sich historisch seit dem Mittelalter nachweisen. Continue reading

Mölln 1992. Wieso wir Betroffenen unser Gehör schenken sollten

Beitrag von Mariama Ceesay

„Wieso wir Betroffenen unser Gehör schenken sollten, als ihre Stimmen zu ignorieren oder andere Menschen über sie sprechen zu lassen“ 

Ibrahim Arslan hat uns seine Geschichte erzählt. Ich bewundere diesen Mut, diese Kraft und diese Ausdauer. Ibrahim Arslan hat sich 1992 in seinem Wohngebäude mit seiner Familie befunden. Auf das Gebäude der Familie, in dem auch andere türkischstämmige Familien wohnten, wurde ein Brandanschlag von rassistischen Menschen verübt. Ibrahim hat den rassistisch motivierten Brandanschlag überlebt, seine kleine Schwester, seine Oma und seine Cousin überlebten nicht. Sie wurden ermordet. 1992 wurde also deutlich, dass Rassismus zum Tod führen kann, aber auch davor und danach wurden/werden Schwarze Menschen und PoC ermordet, weil sie Schwarze Menschen und PoC sind oder als diese gelesen wurden/werden.

Laut der Amadeu Antionio Stiftung sind es seit 1990 208 Todesopfer und 13 Verdachtsfälle. Diese Zahl ist wahrscheinlich aber auch noch höher. Continue reading

FAT OR AND PHAT

Essay von Jemina-Jane Idun

Einleitung

Seit Beginn der Menschheit gibt es Schönheitsideale, die sich geprägt vom Wandel der Zeit sowie anhand der führenden Kulturen der Welt definieren. Nichtsdestotrotz impliziert der Begriff Schönheitsideal, oft ein westlich genormtes Idealbild, welches es bestmöglich zu erfüllen gilt, um von der vorherrschenden Gesellschaft als „schön“ anerkannt zu werden. Individuen, die die erwünschte Ästhetik aufgrund von genetischen, sozialen oder individuellen Aspekten nicht erfüllen, galten in der Gesellschaft bis dato immer als zweitrangig. Um diese Diskrepanz von Akzeptanz auszugleichen, wurden verschiedene soziale Bewegungen ins Leben gerufen, die dazu auffordern die vorrangigen Schönheitsideale zu diskreditieren, um alle Körperformen und kulturelle Individualitäten gleichzustellen. Die Gleichstellung von Körperformen, und das Einfordern von Gleichberechtigung, stößt jedoch auf Kritik. Letztere besagt, dass eine Gleichstellung von Individuen lediglich eine Verherrlichung von negativen Merkmalen sei. In diesem Essay werde ich den Kernpunkt des Vortrages „Treffen sich zwei Schwarze, fette Menschen und reden über ihre Bäuche“ anhand von Quellen aufarbeiten. Insbesondere werde ich auf die Frage eingehen, ob die Body-Positivity-Bewegung Adiposität tatsächlich verherrlicht und erörtern, ob der Ursprung der Kritik aus einer gesellschaftlichen Fettphobie entspringt, welche die Erweiterung und Konsequenz von Anti-Schwarzem Rassismus ist.

Die Body-Positivity-Bewegung

Mit ihrem Ursprung in den USA ist die heutige Body-Positivity-Bewegung eine Weiterführung der Fat-Acceptance-Bewegung aus den 1960er Jahren. Letztere zielte darauf ab die weit verbreitete vorherrschende Fettfeindlichkeit zu beenden: „Fat acceptance focuses on ending the culture of fat-shaming and discrimination against people based upon their size or body weight” (Cherry 2020). Continue reading