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„Semra, wir hätten dich gerne gehört.“

von Isabelle Waßmuth

„Semra, wir hätten dich gerne gehört.“ Mit diesen Worten endet Prof. Dr. Paul Mecheril seinen Abschnitt, sein Bruchstück „Die Fackel des Körpers“. Er spricht in diesem Teil seines Vortrags über Semra Ertan. Ich höre ihren Namen zum zweiten Mal in dieser Vortragsreihe, auch Ibrahim Arslan las das Gedicht „Mein Name ist Ausländer“ von Semra Ertan zu Beginn seines Vortrags vor. Ich frage mich: Wer war diese Frau? Warum höre ich erst jetzt ein Gedicht von ihr? Warum erfahre ich erst jetzt über ihr Leben?

Mich berühren Semra Ertans Gedichte und ihre Geschichte zutiefst. Ob es daran liegt, dass sie etwa in meinem Alter ist, als sie stirbt? Oder dass sie in Kiel lebte, wo auch ich aufwuchs? Sicherlich sind dies Faktoren, die es begünstigen, aber am meisten berührt mich, dass diese junge Frau ihr Leben geopfert hat, um zu protestieren, um ein politisches Zeichen zu setzten, um aufzuzeigen, dass Rassismus ein Teil dieser Gesellschaft ist und diese rassistische Realität Menschen zu Ausländer*innen macht, Menschen ausgrenzt, verletzt und vernichtet.

Semra Ertan wurde am 26.Mai 1957 in Mersin in der Türkei geboren und zog 1971 zu ihren Eltern nach Kiel, die dort bereits als Arbeitsmigrant*innen lebten. Bereits mit 15 Jahren begann sie zu schreiben, und diese Leidenschaft begleitete sie ihr ganzes Leben. Ihre Familie bezeichnet sie als Poetin, Arbeiterin und politische Aktivistin, die unentwegt gegen Rassismus und für die Gleichberechtigung von Frau und Mann kämpfte. Dieser Kampf war sehr vielseitig, so setzte sich Semra Ertan mit gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten genauso auseinander wie mit der fehlenden Gleichstellung der Geschlechter. Ihr Leben als Teil der arabischsprachigen alevitischen Minderheit war geprägt durch gesellschaftliche Verachtung in Deutschland und gleichzeitige Diskriminierung und Ablehnung in der Türkei. Diese doppelte Ablehnung und ihre Lebensumstände trieben Semra Ertan in seelisches und körperliches Leiden, welches sie in ihren Werken verschriftlicht.

Am 24. Mai 1982 setzte sich Semra Ertan an der Simon-von-Utrecht-Straße in Hamburg selbst in Brand. Einige Tage davor war sie in den Hungerstreik getreten. Mit nur 25 Jahren verbrennt sich Semra Ertan öffentlich, um gegen den immer weiter zunehmenden Rassismus in Deutschland zu protestieren, um ein politisches Zeichen zu setzen, dass Rassismus als allgegenwärtige Realität Menschen verachtet, verletzt und schließlich auch vernichtet. Sie stirbt zwei Tage danach und ihr Geburtstag wird zu ihrem Todestag. Kurz nach ihrem Tod zitierte eine Zeitung folgende Worte:

Ich möchte, dass Ausländer nicht nur das Recht haben, wie Menschen zu leben, sondern auch das Recht haben, wie Menschen behandelt zu werden. Das ist alles. Ich will, dass die Menschen sich lieben und akzeptieren. Und ich will, dass sie über meinen Tod nachdenken.“ (Semra Ertan 1982)

Warum habe ich also erst jetzt von dieser starken, mutigen Poetin und politischen Aktivistin gehört? Meiner Meinung nach liegt es auf der einen Seite daran, dass dieser Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands, die Zeit, in der Arbeitsmigrant*innen nach Deutschland kamen, viel zu wenig thematisiert wird, bzw. dabei vollkommen ausgelassen wird, wie sich die Betroffenen fühlen, was ihre Gedanken und Wünsche waren und sind. In der Schule wurde das Thema „Gastarbeiter*innen“ bei mir nur sehr kurz und einseitig angesprochen und damit die Lebenswelten der angesprochenen Menschen verschwiegen und übergangen. Auf der anderen Seite denke ich, als weiß-positionierte und dadurch privilegierte Frau, dass das Thema Rassismus und die Tatsache, dass Rassismus immer noch ein beständiger Teil unserer Gegenwart ist, in unserer Gesellschaft gerne verdrängt und abgetan wird. Wie auch Prof. Dr. Paul Mecheril in seinem Vortrag sagte: Es kann schmerzhaft und beschämend sein, sich mit den eigenen rassistischen Vorurteilen und Denkweisen auseinanderzusetzen und es ist nie einfach sich dem Thema Rassismus anzunähern, aber es ist doch von äußerster Notwendigkeit und Dringlichkeit, um alle Menschen zu sehen, zu hören und anzuerkennen.

Ich will leben,
Wie ich es mir wünsche…
Ich will lieben,
Geliebt werden,
Wie es sich mein Herz erträumt…
Mit reinem Herzen
Möchte ich erfahren
Die Schönheit der Welt,
Schöne Menschen,
Ich will leben,
Wie es sich mein Herz erträumt …
(Semra Ertan 1982)

Semra Ertans Gedichte leben weiter und ihre Familie wüscht sich, dass auch in Schulen ihre Gedichte gelesen und thematisiert werden. Ich kann diesem Wunsch nur zustimmen, denn ihre Gedichte berühren und treffen direkt ins Herz. Rassismus ist in Deutschland nicht weniger geworden und deshalb steigt die Notwenigkeit sich mit der Geschichte und den Werken von Semra Ertan und anderen Dichter*innen auseinanderzusetzen und rassismuskritisch Denken und Handeln zu lernen.

Semra, ich hätte dich gerne gehört.

Quellen:

Bilir-Meier, Zühal/ Bilir-Meier,Cana (Hrgs.). (2020). Semra Ertan. Mein Name ist Ausländer. Gedichte. Münster: edition assemblage.

Vortrag „Subjekt – die Ordnung – das Leben“ von Prof. Dr. Paul Mecheril am 28.1.2021